Ausflug zur Eremitage in Bayreuth

Am Freitag, dem 26. Mai fuhren die Schülerinnen und Schüler des HC und des Kunst-Additums nach Bayreuth. Das Motto der Exkursion lautete zwar »Eine Stadt lesen«, aber irgendwie blieben wir beim Lesen in der Einleitung stecken – nicht weil es nichts zu lesen gäbe, nein, die Einleitung respektive die Eremitage war einfach zu schön, um weiterzuziehen. Nach einer kurzen Umschau stellte sich sehr schnell heraus, dass die meisten Flaneurinnen und Flaneure gerne auf den nachfolgenden kurzen Stadtrundgang verzichten wollten, um sich diesen bezaubernden Ort näher betrachten zu können.

Ein Teil nahm die Führung durchs Alte Schloss wahr und erfuhr jede Menge über den Lebensstil des europäischen Hochadels im 18. Jahrhundert. Dies allerdings unter der Prämisse, dass der Kunstsinn damals höher war als die dazu notwendigen Staatseinkünfte. Alles musste so klein und günstig wie möglich gebaut werden, aber im Stil und der Raffinesse Versailles oder Sanssouci in nichts nachstehen. In dieser Zwickmühle steckte nämlich die Markgräfin Wilhelmine, als sie nach Ihrer Heirat mit dem Markgrafen von Bayreuth dieses – die Bayreuther mögen uns das verzeihen und kurz mal schneller weiterlesen – damalige »Kaff« in einen Ort zu verwandeln, an dem sich eine preußische Prinzessin nicht ganz verloren fühlte.

Eine zweite Gruppe machte sich auf, den Park zu erkunden, der vor allem Vieles zum Verhältnis Kultur-Natur im 18. Jahrhundert erzählt, wenn man es denn lesen will. Nach dem Mittelalter war Natur, Landschaft, Gefühl und Affekt nichts Fernes, Unheimliches oder Sündhaftes mehr. Ganz im Gegenteil – und das sieht man dem herrlichen Park heute noch an – ging man davon aus, dass dieser Natur schon irgendwie vernunftbegabt und fantasievoll beizukommen sei. Aus heutiger, ökologischerer Sicht ein wohl bedenkliches Ansinnen, vor 300 Jahren aber eine befreiende Errungenschaft für eine immer noch in krudem Aberglauben verhaftete Menschheit. Jedenfalls werden im Park heute noch die Bäume und Sträucher nach festgelegtem Plan in ihrem Wachstum kontrolliert, die Wege sind auf dem Reißbrett gezogen worden, das Wasser schießt in schnurgeraden Kanälchen, die Formen entspringen strenger Geometrie, in der die Pflanzen und Steine ihre ganz bestimmte, wohl gesetzte Rolle zugewiesen bekommen haben. Kleine Putten bezwingen große Seeungeheuer, und das ganze herrliche Ambiente dient dem Menschen als Bühne, also damals Wilhelmine und ihrem Hofstaat und ihren Gästen – und heute uns.

Dass diese Pracht nun »Eremitage« heißt, ist ein bisschen verwegen im Hinblick auf jene christlichen Eremiten, die in den Wald zogen, um – ausgestattet mit dem Allernötigsten – zu innerer Einkehr und stiller Versenkung zu finden. Nach religiöser Besinnung sieht es in diesem Schlosspark bei weitem nicht aus. Aber man fühlte sich gut dabei, den Lärm und Gestank der Stadt und wahrscheinlich auch die einfachen Leute, auf die man dünkelnd herabsah, hinter sich zu lassen. Markgraf Georg Wilhelm und auch sein Nachfolger Friedrich (Wilhelmines Mann) jedenfalls hießen hier manchen Bittsteller auf ganz eigenwillige Art willkommen: Sie ließen ihn in ihrem Schloss in der so genannten Grotte auf die Audienz warten und dann vom Gärtner den Hahn des opulenten Wasserspiels öffnen – zur Belustigung ihrer Gäste.

Dieser historisch wertvolle Ort gab auch noch einer dritten Gruppe Anlass dazu, den Ausflug gänzlich ohne »Lesen«, aber mit Gesang und Spiel zu nutzen: Fünf Oberstüfler okkupierten einen Pavillon und harrten mit bestem Belcanto barmherzigen Spendern – am Schluss wurden 3 Cent in der Sammelbox gezählt. Gut, dass der Markgraf sie nicht huldvoll bedacht und in seine Grotte eingeladen hatte.

Werner Bloß

 

 

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