Viertes Wendelsteiner Forum – Lernen von und mit der Honigbiene

Im Rahmen der neuen Forums-Reihe am Gymnasium Wendelstein, die sich mit spannenden Fragen aus Wissenschaft und Gesellschaft beschäftigt, war im November der Würzburger Verhaltensforscher und Soziobiologe Prof. Dr. Jürgen Tautz geladen, der als international renommierter und Deutschlands führender Bienenwissenschaftler gilt.

In einem kurzweiligen Vortrag rund um die Honigbiene gewährte Tautz, der am Biozentrum der Uni Würzburg forscht, seinen Zuhörern vielfältige Einblicke in die faszinierende Welt der Honigbiene. Im Verlauf seiner rund 20-jährigen Bienenforschung hat Tautz zahlreiche neue wissenschaftliche Erkenntnisse über das Leben der Honigbiene gewinnen können und engagiert sich darüber hinaus auch für deren Schutz und Erhalt. 

Bienen haben die Menschheit jedoch schon weit vor jeder Art der wissenschaftlichen Auseinandersetzung fasziniert wie dies nicht zuletzt Bienenmotive auf bis zu 12 000 Jahre alten Darstellungen beweisen. Dabei hat die Biene immer wieder zum Nachdenken über unter Umständen auch auf die Spezies Mensch übertragbare Organisationsformen ähnlich denen innerhalb des Bienenstock-„Staats“ angeregt.

Aristoteles hatte den Bienen fälschlicherweise unterstellt, dass diese Wachs sammeln würden und bis zur Entdeckung und Darstellung ihrer eigentlichen biologischen Bedeutung in Christian Konrad Sprengels Werk Das entdeckte Geheimnis der Natur im Bau und in der Befruchtung der Blumen aus dem Jahre 1793, das erst posthum Anerkennung fand, sollten noch viele Jahrhunderte vergehen. Die darin getroffene und heute jedem Kind geläufige Verlautbarung der durch „Bienen und Blumen“ vollzogenen Fremdbestäubung galt Ende des 18. Jahrhunderts noch so skandalrührig, dass Sprengel wegen des Vorwurfs der „Pflichtvergessenheit“ sowohl seine Anstellung als Berliner Gymnasiallehrer als auch all seine Pensionsansprüche verlor.

Die den Menschen seit jeher vor allem als Bereitsteller von materiellen Produkten wie Honig und Wachs bekannten Bienen spielen durch ihre Bestäubung von Blütenpflanzen auch im Gesamtnaturhaushalt eine nachhaltig gestaltende und erhaltende Rolle. Rund 80 Prozent der Blütenpflanzen werden von Insekten bestäubt, vorrangig von Bienen. Ohne diese stünde uns ein Großteil viel geschätzter Lebensmittel und Alltagsprodukte schlichtweg nicht zur Verfügung wie beispielsweise Kirschen, Äpfel aber auch Tiefkühlpizza, Schokolade und Körperpflegeprodukte. Auf eine andere Formel gebracht kann die Honigbiene laut Tautz für sich beanspruchen für jeden dritten Bissen menschlicher Nahrung verantwortlich und somit absolut unverzichtbar zu sein.

Im Zentrum menschlichen Nachdenkens standen neben dem Zeidelwesen auch schon immer die Kommunikations- und (Über-)Lebensstrategien dieser Tiere. Das Zusammenleben im basisdemokratisch organisierten Bienenstaat unter „Führung“ einer Bienenkönigin gilt dem Menschen als Urvorbild für eine funktionierende Gesellschaft. Dies ist für die ägyptischen Pharaonen ebenso nachweisbar wie auch für Napoleon Bonaparte, der sich die Biene ganz gezielt zum Wappentier erkor. Jenseits ihres Wirkens als Bestäuber hat sich Prof. Tautz vor allem auch der Erforschung der hocheffizienten Selbstorganisation und vielschichtigen Kommunikation der Bienen gewidmet. Er bezeichnet das Zusammenleben im Bienenstock als „ein sich selbst organisierendes komplexes und dynamisches System“, das in seinem beispielgebenden Modellcharakter unter anderem auch Auswirkungen auf die Organisation des U-Bahn-Netzes in Tokio zeitigt. Tautz hat die Kommunikationsstrukturen im gesamten Universum der Honigbienen, also sowohl innerhalb als auch außerhalb des Bienenstocks, erforscht und herausgefunden, dass sich die Tiere gegenseitig helfen, ein Ziel anzusteuern, das mit Hilfe des weithin bekannten Schwänzeltanzes nur grob avisiert werden kann. Dabei hat er die klassische Sichtweise widerlegt, dass es im Schwänzeltanz eine Sammelbiene gäbe, die die Richtung und die Entfernung einer Futterstelle vorgibt. Vielmehr, so Tautz, sei der Tanz der Beginn einer Kette von Richtungshinweisen, die den Bienen hilft, draußen im Feld schneller auf die nächsten Glieder der zielführenden Signale zu treffen. Zu weiteren von Tautzens Befunden gehört es, dass bei den Bienen bevorzugt die Senioren ausgesandt werden, da diese – in Umkehr zur menschlichen Lebensentwicklung - mit steigendem Alter immer lernfähiger werden.

Dem Wendelsteiner Forums-Publikum wurden binnen kürzester Zeit unglaublich viele erhellende Einblicke in die Makro- und Mikrostrukturen von Bienenvölkern gewährt und zu entdecken gab es dabei eine ganze Welt voller erstaunlicher, sich selbst regulierender Mechanismen und hochspezialisierter, arbeitsteilig agierender Stock-Mitbewohner wie beispielsweise Wächterbienen, Sammelbienen, Tankstellenbienen, Putzbienen, Heizbienen etc.

Der Würzburger Professor hat sich auch eingehender mit weiteren Gedächtnis- und Orientierungsleistungen von Bienen beschäftigt, die der breiteren Öffentlichkeit zum Teil unter Begriffen wie Labyrinth-Lernen oder Schwarmintelligenz geläufig sind. Ursprünglich zur Bienenforschung gekommen ist Jürgen Tautz jedoch durch seine Faszination für den Wabenbau. Wie er erläutert erhalten die typischen, überraschend regelmäßig gebauten sechseckigen Zellen der Waben ihre runden Formen erst durch einen Aufheizprozess während des Bauverhaltens, für den sogenannte „Heizerbienen“ sorgen, die gleichzeitig auch für die Temperaturregulierung innerhalb des gesamten Bienenstocks verantwortlich zeichnen. Bienen heizen ihren Stock im Winter nach einem sehr effizienten Prinzip: Die meiste Zeit wird dieser so kühl wie möglich gehalten und alle paar Tage bis auf 30 Grad hochgeheizt, wohl um dann den Honig besser aufnehmen zu können. Den Ausführungen von Jürgen Tautz ist anzumerken, dass er neben der Biologie und Verhaltensforschung auch die Geographie, Physik, Zoologie und Neurobiologie zu seinen Fachgebieten zählen kann, wovon sowohl seine Zuhörerschaft als auch seine quasi ganzheitliche Forschung rund um die Honigbiene profitiert.

Ein weiteres großes Anliegen ist es ihm jedoch auch, ein Problembewusstsein für die gesteigerte Verletzlichkeit der Natur sowie die Notwendigkeit und Möglichkeiten des aktiven Bienenschutzes zu schaffen. Unter den Einwirkungen der Globalisierung werden Bienen vermehrt zu Opfern durch die Monokultur einer auf permanente Effizienzsteigerung konditionierten Landwirtschaft, durch eindringende Parasiten und den zunehmenden Einsatz von Pestiziden. Tautz vertritt hinsichtlich dieser bedenklichen Entwicklungen die These, dass wer das Verhalten der Bienen genauer versteht, auch dem Bienensterben erfolgreicher begegnen kann. Und hier könne sich jeder engagieren.In diesem Zusammenhang verweist er auf die besondere Rolle der Imker, aber auch auf die von verschiedenen Projekten rund um Bienenschutz und Bienenforschung. 

Als dessen Gründer und Leiter stellt Tautz seinen Wendelsteiner Zuhörern mit HOBOS (HOneyBee Online Studies) abschließend noch ein neues Projekt vor, das unter anderem auch Schulen naturwissenschaftliches Arbeiten anhand eines echten Bienenvolkes ermöglicht, da alle erfassbaren Vorgänge innerhalb des Bienenstocks online mitzuverfolgen sind und dazu einladen eigene Fragen und Forschungen anzustellen. Der Zugang zu allen Daten, live oder abrufbar über Datenspeicher, ist dabei frei und gilt als beispielhaft für eine offene Wissenschaft, verfügbar für Grundlagenforschung, Ausbildung und Schule. Hauptanliegen der digitalen non-profit-Plattform ist es, Informationen rund um die Biene für jeden zugänglich verfügbar zu machen, um interessierte Menschen so für die Bedeutung der Honigbiene zu sensibilisieren. Tautz versichert zudem, dass durch den Hightech-Blick das Bild der Biene keinesfalls entzaubert werde, sondern diese Spezies auf diesem Wege im Gegenteil noch größeres Erstaunen und Bewunderung hervorrufen und zur noch eingehenderen Beschäftigung mit ihr einladen könne.

Im Anschluss an den gut einstündigen Vortrag bestand wie stets im Forum die Möglichkeit weiterführende Publikumsfragen an den Referenten zu richten. Diese bezogen sich an diesem Abend unter anderem auf das Projekt HOBOS, die Verlässlichkeit von Bienen bei der Erdbebenprognose, geographische Gebiete, die Bienen weniger gut für sich erobern können sowie Auswirkungen des Klimawandels auf diese Spezies.

Für die populäre und gut verständliche Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte wurde Jürgen Tautz bereits mehrfach ausgezeichnet. Dank seiner spürbaren Begeisterung und ganz viel Bienenwissen aus erster Hand eines Imkers und Wissenschaftlers durfte auch das Wendelsteiner Publikum die Biologie als eine lebendige und sehr vielseitige Wissenschaft erleben, die sich ständig und bienenfleißig weiterentwickelt.

Mirjam Müller

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