„Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ – und gegen das Vergessen: eine Lesung mit Patricia Litten

Die Schauspielerin Patricia Litten erinnert im Rahmen einer Lesung an das Schicksal ihres Onkels Hans Litten und die unermüdlichen Bemühungen seiner Mutter, diesem auch in auswegloser Situation noch eine positive Wendung zu geben. Sie erzählt dabei anhand zweier mutiger und systemkritischer Persönlichkeiten nicht nur ein Stück Familiengeschichte zu Zeiten des Nationalsozialismus, sondern nimmt darüber hinaus auch immer wieder Bezug auf die politisch-gesellschaftlichen Zustände des Hier und Heute.

Seit dem Tag seiner Verhaftung hatte Hans Littens Mutter Irmgard alles Menschenmögliche unternommen, um ihren Sohn aus den Mühlen des NS-Haft- und Verfolgungsterrors zu befreien. Sie ließ ihm streng verbotene Geheimbotschaften zukommen, nahm heimlich Kontakt zum Ausland auf, verfasste unzählige Gnaden- und Entlassungsgesuche und ihre Beharrlichkeit brachte sie immer wieder in Kontakt mit namhaften NS-Größen, wie unter anderem Hitler, Göring und Himmler. In dem von ihrer Enkelin Patricia Litten rezitierten und kommentierten Roman „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ schildert sie die Leidensgeschichte des linkspolitisch orientierten Rechtsanwalts Hans Litten, der zu Beginn der 1930er Jahre vor allem Sozialisten und Kommunisten vor Gericht vertrat. Der damals 28-jährige Jurist rief Adolf Hitler im Berliner Edenpalast-Prozess von 1931 in den Zeugenstand, nahm ihn ins Kreuzverhör und stellte ihn, indem er ihn gleich mehrfach der Falschaussage überführte, öffentlich und nachhaltig bloß. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten sollte Litten auf mehr als schmerzliche Weise erfahren, dass ihm Hitler diese Demütigung nicht verziehen und ihn darüber hinaus zu seinem persönlichen Feind erklärt hatte. Litten war einer der ersten Gefangenen, die in der Nacht des Reichstagsbrandes in sogenannte „Schutzhaft“ genommen wurden, womit seine mehrjährige Leidensgeschichte ihren Anfang nahm. Seit jener Zeit war auch seine ganze Familie von Hitlers persönlicher Rache betroffen, so dass sich für viele der Littens langfristig die Emigration als einzig möglicher Ausweg darstellte.

Nach mehreren Jahren der Internierung und Folter in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern nahm sich Hans Litten, der infolge fortgesetzter Misshandlungen nahezu blind und taub war, am 5. Februar 1938 im KZ Dachau das Leben. 

Zwei Jahre nach Hans` Tod veröffentlichte Irmgard Litten ihren Bericht in Form eines dokumentarischen Romans, zunächst im französischen Exil, danach in England und zwei Jahre nach Kriegsende schließlich auch in Deutschland. 

Die Stationen auf dem Leidensweg ihres Onkels vermittelt Patricia Litten den Oberstufenschülern der Q11 in einer gelungenen Mischung aus Lesung, Kommentierung und offener Diskussion. Sie kommt dabei mit ganz wenigen darstellerischen Mitteln aus und kann sich zu jeder Zeit voll und ganz auf die Wucht und Wirkmächtigkeit der von ihr erzählten Geschichte verlassen. Besonders eindrücklich bleibt dem Publikum die Beschreibung Hans Littens als junger, unerschrockener Anwalt in Erinnerung, aber auch der Darstellung der Umstände seiner Inhaftierung sowie insbesondere auch der der letzten Begegnung Hans Littens mit seiner Mutter im KZ Dachau wenige Wochen vor seinem Tod kann sich kein Zuhörer entziehen. Ergänzt wird der Vortrag lediglich durch eine gezielt minimalistisch gehaltene Bilderschau, die Hans Litten zunächst auf einem Foto als jungen, aufstrebenden Juristen zeigt, das im Verlauf der Lesung von einer Kohlezeichnung aus dem KZ Lichtenburg abgelöst wird, die ein Mitgefangener angefertigt hat und die Litten als einen von den Haftbedingungen gezeichneten, aber dennoch aufrechten Mann mit fortgesetzt kritischem Blick zeigt. Gegen Ende der Lesung umrahmen diese beiden Darstellungen dann eine Schwarzweißfotografie Irmgard Littens, die bis zum Schluss nichts unversucht gelassen hat, um ihren Sohn zu retten. Damit sind der Verlauf und die Personenkonstellation dieses Familiendramas vor historisch beinahe zeitloser Kulisse sinnfällig auf den Punkt gebracht und entfalten eine dementsprechend nachhaltige Wirkung.

Gerade bei jugendlichen Zuhörern ist Betroffenheit nur in den allerwenigsten Fällen kalkulierbar oder gar per Knopfdruck zu erzeugen. Die kommentierte und um eine biographische Dimension ergänzte Erzählung zeigt aber dennoch Wirkung beim Wendelsteiner Publikum. Dies gelingt zum einen, da Patricia Litten das anrührende Schicksal ihres Onkels aus der in Schulbüchern vermittelten Masse der Menschen, die in den Konzentrationslagern gestorben sind und auch aus dem Reigen anderer Akteure des Widerstands gegen das Hitlerregime herauszuheben versteht. Es gelingt desweiteren deshalb, weil Hans Littens Nichte diesen Teil ihrer Familiengeschichte nicht ausschließlich als erschütterndes, der Vergangenheit zugehöriges Zeitzeugnis darstellt, sondern den Jugendlichen dieses als Folie für ein Nachdenken über ihre eigene Zeit zur Verfügung stellt und über diese Zugangswege an ganz verschiedenen Stellen des Vortrags genau darüber immer wieder mit ihnen ins Gespräch kommt. Am Ende der von Nadja Schnedelbach und Hariet Weber für die Q11 organisierten Lesung zollen die Oberstüfler vielfach vermutlich einfach dem ergreifenden Schicksal Hans Littens durch eine längere Phase des Schweigens Respekt und Anerkennung; die eingetretene Ruhe lässt jedoch auch ein Nachdenken über andere im Verlauf der Lesung angestoßene Überlegungen zu.

Die fortbestehende Brisanz des Themas unterstreicht Patricia Litten in einem abschließenden Teil ihres Vortrages schließlich durch Querverweise auf die Arbeitsfelder von Organisationen wie Amnesty International sowie die aktuell für iranische Dissidenten, Blogger in Saudi-Arabien oder investigative Journalisten weltweit bestehenden (menschen-)rechtlichen Gefährdungslagen. Darüber hinaus zieht sie ganz konkrete Parallelen zwischen dem Schicksal ihres Onkels und dem des inhaftierten iranischen Anwalts und Nürnberger Menschenrechts-Preisträgers Abdolfattah Soltani. 

Nach den beiden jeweils intensiven 90-minütigen Lesungen lautet ihr abschließender und ausdrücklicher Aufruf an die Jugendlichen, nicht müde zu werden, Fragen zu stellen und Errungenschaften wie Rechtsstaatlichkeit und Meinungs- und Pressefreiheit niemals als verbürgte Selbstverständlichkeiten an- und hinzunehmen. 

Der mit Blick auf so manche Entwicklungen im Jahre 2017 immer noch bzw. vermehrt wieder brisante Fall eines Hans Litten mahnt somit auf unmissverständliche Weise zur fortgesetzten Wachsamkeit und – ganz im Sinne Irmgard Littens – gegen das Vergessen.

Mirjam Müller

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