Bewerbungstext Deutscher Lehrerpreis 2013

Dieser Text über das Projekt Wendelstein 3.0 führte uns zu einer Nominierung für den Deutschen Lehrerpreis 2013 und damit unter die 16 besten Bewerbungen unter bundesweit 107. Wichtig für diesen Erfolg war vor allem der fächerübergreifende Aspekt des ganzen Unterfangens.

Viel Spaß beim Lesen!

 

A. Zusammenfassung des Unterrichtsgeschehens

Der Grundgedanke der ersten Unterrichtsphase ist schlicht aber weitreichend: Alle Schüler der neuen Schule planen, entwickeln und bauen im Kunstunterricht ein Haus im Maßstab 1 zu 100 mit dem Ziel, eine gemeinsame (Schul-) Modellstadt zu errichten. Mit, an und in dieser Stadt wird gelernt, was es heißt, zusammenzuwohnen, zusammenzuleben und einzelne in der Architektur manifestierte Lebensentwürfe aufeinander abzustimmen oder auch voneinander abzugrenzen.

 

Je nach Jahrgangsstufe unterscheidet sich die vorgeschlagene Aufgabenstellung: In den fünften Klassen kümmern sich die Schüler weitgehend um das Problem des Wohnens im Einfamilienhaus und dem Zusammenleben innerhalb einer entsprechenden Siedlung.

 

In der sechsten Jahrgangsstufe ist das vorgegebene Ziel die Entwicklung von architektonischen Lösungen für das Zusammenleben mehrerer Haushalte (Mehrfamilienhaus, Wohnburg, Wolkenkratzer, für ihre Versorgung (Geschäfte), ihre Bildung (Schulen, Museen) und ihren Transport (U-Bahnstationen ...)

 

In den siebten Klassen sehen die Vorgaben ähnlich aus, allerdings wird bereits zu Beginn der Planungsarbeit auf gesellschaftliche Problemstellungen hingewiesen – und je nach Interesse diskutiert –, die sich aus dem menschlichen Zusammenleben ergeben: Verkehrsaufkommen, Ghettobildung, Flächenverbrauch.

 

Dabei handelt es sich deshalb um eine vorgeschlagene und nicht um eine vorgeschriebene Aufgabenstellung, weil im gemeinsamen Arbeitsprozess der Schüler eine Orientierung an den Werken der Mitschüler auch aus anderen Jahrgangsstufen nicht nur unvermeidlich, sondern sehr erwünscht ist. So können auch Siebtklässler ein Einfamilienhaus gestalten, Fünftklässler ein Museum oder einen Fernmeldeturm bauen oder mit Gruppen anderer Klassen kooperieren. Wenn ein Schüler eine begründete Alternative zum vorgeschlagenen Gestaltungsfeld innerhalb der Stadtgestaltung vorschlägt, so wird sie – in Anlehnung an die Baugenehmigung, die jeder Bauherr vor dem Baustart einholen muss – einem Genehmigungsverfahren unterzogen. Um sehr beliebte und als attraktiv empfundene Bauaufgaben muss sich förmlich in Wort und Bild beworben werden. Nur wenige Bauvorhaben werden dabei nicht zugelassen, weil sie im gesetzten Maßstab und in der anvisierten Bauzeit nicht zu realisieren sind: Flughäfen, Hauptbahnhöfe und Sportstadien.

 

Nach dem Aufbau der Modellstadt beginnt die zweite, offenere Phase der Arbeit in verschiedenen Fächern: In Englisch bildet die Betrachtung der Modellstadt die Basis für ausführliche Gebäude- und Wegbeschreibungen mit den Unterstufenklassen. Im Fach Deutsch wird die Stadt als Set für Erlebniserzählungen und die Schilderung von Stadtvierteln genutzt. In Kunst taugt sie – je nach Jahrgangsstufe zum Erlernen und Ausbauen linearperspektivischer Techniken. Außerdem dient sie als Filmkulisse, in der die Geschichten aus dem Deutschunterricht ins Medium des Trickfilms fließen. Nach der Herstellung des Rohfilms werden Dialoge, Geräusche und Musik aufgezeichnet und der Film geschnitten und vertont.

 

B Fragestellungen

B1 Unterstützung durch den Lehrplan für bayerische Gymnasien

 

Die Unterstützung durch den Lehrplan ist breit, treffend und umfassend:

 

5. Jgst.: „Architektur und Design: Häusliches und schulisches Umfeld
Die Kinder erkunden ihr unmittelbares Lebensumfeld und entwickeln eigene Vorstellungen für phantasievolle Gestaltungen.“ (Jgst. 5, Kunst 2)

 

„Medien nutzen und reflektieren. Die Schüler lernen Medien in ihrer Vielfalt kennen, üben die Arbeit mit ihnen ein und stellen erste Überlegungen zu Eigenart und Wirkung von Medien an. Umgehen mit visuellen Darstellungen: Bilder und Zeichnungen betrachten, beschreiben und anfertigen; nach Bildern erzählen“ (Jgst. 5, Deutsch S. 3)

 

„Mündliche Ausdrucksfähigkeit. Mit einem Gesprächspartner in Kontakt treten; in klar umrissenen Alltagssituationen sehr einfache, kurze Gespräche über vertraute Themen führen und dabei für den Alltagsgebrauch typische Sprachmuster anwenden“ (Jgst. 5, Englisch S. 1)

 

6. Jgst.: „Architektur und Design: utopische und phantastische Form-Erfindungen
Die Schüler entwickeln ein räumlich-konstruktives sowie ästhetisches Vorstellungsvermögen bei der Nachbildung und Erfindung von Formen, Apparaten und Modellen unter Beachtung funktionaler Erfordernisse.“ (Jgst. 6, Kunst S. 2)

 

„Medien nutzen und reflektieren. Aufbauend auf der vorherigen Jahrgangsstufe wird die Medienkompetenz erweitert. Die Schüler verwenden den Computer gezielt als Arbeits- und Kommunikationsmittel. Umgehen mit visuellen Darstellungen: Bilder und Zeichnungen betrachten, genau beschreiben und anfertigen.“ (Jgst. 6, Deutsch S. 2)

 

7. Jgst.: „Architektur und Design: Lebensräume: Die Schüler reflektieren bei der Untersuchung von Architektur die Umwelt als Lebensraum. In eigenen Gestaltungen entwerfen sie Alternativen zu vorgefundenen Situationen und setzen sich mit den funktionalen und ästhetischen Aspekten von Architektur und Design auseinander.“

(Jgst. 7.: Kunst S. 2)

 

„Mündliche Ausdrucksfähigkeit: Sich in typischen Gesprächssituationen des Alltags verständigen und situationsgerecht auf Gesprächspartner reagieren, z. B. Zustimmung und Ablehnung äußern, verständnissichernde Fragen stellen Personen, Orte und Dinge beschreiben; Erlebnisse und einfache Sachverhalte berichtend und erzählend darstellen.“

(Jgst. 7.: Englisch S. 1)

 

B2 Bezug zum Alltag der Schüler/Praxisrelevanz für die Berufs- und Arbeitswelt

 

Das gesamte Vorhaben zielt auf das Erlebnis der (hier modellhaften) Gestaltbarkeit der unmittelbaren Umgebung und Umwelt ab. In diesem Erlebnis geborgen ist die nahe liegende Vision, dass viele Gymnasiasten in ihrer beruflichen Zukunft Räume bzw. menschliches Zusammenleben (mit-) gestalten müssen, nicht nur, wenn sie in einem einschlägigen Berufsfeld (Architekt, Stadtverwaltung, Stadtplanung) tätig werden, sondern vor allem wenn sie auch in Führungspositionen jeglicher Art sich solchen verantwortungsvollen Herausforderungen stellen müssen (Firmensitz, Arbeitsplatzgestaltung, Grundstücksplanung).

 

B3 Überprüfung des Lernfortschritts

 

Im Fach Kunst liegt die wesentliche Überprüfung des Lernfortschritts hier in Form der visuellen Prüfung des formalen Bestands vor. Der Vorteil im Fach Kunst liegt an dem Umstand, dass die Schüler noch während ihrer Arbeit immer wieder Anteil an der gemeinsamen Überprüfung nehmen können und ihre weitere Arbeit an den Ergebnissen dieser gemeinsamen Überprüfung ausrichten können. Auf diesem Wege entwickelte sich in der Bauphase eine stets wachsender Kriterienkatalog mit den auch von den Schülern gefundenen Kriterien zur Messung der Qualität ihrer Werke: Funktionalität, Handwerklichkeit, Ästhetik ... Auf diesen Kriterienkatalog stützte sich am Ende der Bauphase die Benotung der praktischen Arbeiten.

 

Daneben gibt es erprobte Formen der Präsentation eines Werkes, hier in Form einer Vorstellung eines Gebäudes mit recht klaren Kriterien (Nutzwert, Funktionen, Formgestaltung, Farbgestaltung), die mit Hilfe von Kurzreferaten den Fortgang des Unterrichts gliederten und um Diskussionsgrundlagen bereicherten. Im Zentrum steht hierbei nicht das Werk, sondern die Art seiner Präsentation, die Überzeugungskraft der mündlichen Darstellung, die Gliederung und die sprachliche Form. Ähnliches gilt für die Überprüfung des Lernfortschritts bei den nachgeschalteten Unterrichtsanteilen in den Fächern Deutsch und Englisch. Insofern bildeten die Präsentationen im Fach Kunst eine Vorbereitung für die weiteren Nutzungen in diesen Fächern.

 

 

B4 Der Gewinn für die Schüler

 

... liegt zum einen in der Arbeit auf ein großes gemeinsames Ziel hin (die Errichtung einer Stadt), innerhalb der eine Orientierung an den Werken der anderen, insbesondere auch der älteren Schüler stets möglich war. Auf diesem Wege wurde eine latente Unsicherheit im Hinblick auf das vom Lehrer Vorgeschlagene bzw. aus Schülersicht mutmaßlich Intendierte weitgehend aufgefangen von der Einsicht in den Arbeitsfortschritt der anderen, in Gemeinsamkeiten und Unterschiede und in offensichtliche Tricks, Kniffe und Ideen, die jedem weiterhelfen konnten, der sich von den Werken seiner Mitschüler inspirieren ließ.

 

Zum anderen profitierten die Schüler zunehmend von dem Gefühl, an einem großen Ganzen Anteil zu haben, innerhalb dessen ihr Werk in besonderer Form zu Geltung kommt und das ohne ihr Werk jeweils weniger wert wäre. So geriet jeder Schülerbeitrag zur – im besten Sinne verstandenen – Kulisse des Werks seines Mitschülers und umgekehrt. Dieser Effekt wurde vor allem in dem Moment spürbar, als es an den letzten Abbau der Stadt und an die Atomisierung ihrer Bestandteile ging. Die allermeisten Schüler hätten es sehr begrüßt, wenn die Stadt in ihrem Zusammenhang erhalten geblieben wäre.

 

Dieses Gemeinschaftsgefühl gipfelte letztlich in dem Wunsch, dass es ein Gemeinschaftsfoto aller Schüler mit ihrer Stadt geben soll, über das die SMV der Schule zu einem starken Identifikationsobjekt (die Stadt und ihre fotografische Dokumentation) fand.

 

Ähnliches bewirkte auch der entstandene Trickfilm, in dem nahezu jedes Haus porträtiert wurde und die Stadt gefahrlos „weiterlebt“.

 

C „Planung“ und Verlauf des Unterrichts

Die Planung steht deshalb in Anführungszeichen, weil eine Unterrichtsstruktur in diesem Fall zwar vorgezeichnet werden konnte, es sich dabei aber eher um eine Vorbereitung denn eine Planung handelte. Denn das Aussehen der Stadt, ihre Geschichten und Beschreibungen, ihre Präsentationen und Dokumentationen waren weitgehend nicht planbar. Als Lehrer konnte man ihnen nur den Boden bereiten, auf denen sie gediehen.

 

Verlauf im Schuljahr

 

September 2012

 

Auseinandersetzung mit dem eigenen Wohnumfeld: Je nach Jahrgangsstufe und Interesse beschäftigen sich die meisten Schüler im Fach Kunst mit ihrem unmittelbaren Wohnumfeld, mit der Herstellung eines Grundrisses ihres Zimmers, ihrer Wohnetage oder ihres Wohnhauses (mit Garten). Manche Klassen wählen sich die Form der Ansicht und des Aufrisses einer Fassade, andere fertigen erste Papiermodelle tradierter Hausformen. Die visuelle Gegenwart aller Realisate ermöglicht es allen Klassen von Anfang an, die Errungenschaften der Mitschüler auch in den anderen Klassen zu sehen, zu diskutieren und von anderen Gestaltungsformen zu profitieren.

 

Oktober 2012

 

Vorstellung der „Spielregeln“ und geeigneter Werktechniken: Nach der ersten Sondierung im Feld der Architektur wird das verpflichtende Grundraster der Stadt vorgestellt: Jeder Schüler bekommt ein Viertel Anteil an einem Feld mit 50 mal 50 cm Größe und setzt sich mit dreien seiner Mitschüler darüber auseinander, wie sie gemeinsam die Gestaltung dieses „Stadtteils“ in Angriff nehmen. Straßenverläufe und Bauvorschriften werden diskutiert, Baulinien verhandelt und mitunter Corporate Designs entwickelt. Nach dem Vorstellen und Selbst-Organisieren geeigneter Baumaterialen (Styropor, Karton, Kunststoffabfälle, Wellpappe ...) und dem steten Besprechen entsprechender Techniken (Sägen, Schleifen, Kleben, Kaschieren, Montieren ...) startet die eigentliche Bauphase, stets flankiert von technisch und gestalterisch orientierten Inputs (Architekturbetrachtungen, Schulung an elektronischen Geräten: Bohrmaschine, Dekupiersäge, Schleifteller, Heißdraht ...)

 

November 2012

 

Die Bauphase erreicht den Höhepunkt und ist beständig durchsetzt von kurzen Interventionen mit Blick auf erreichte Qualitäten, Desiderate, Missstände und Regeln der Zusammenarbeit (die Darstellung einer typischen Unterrichtseinheit folgt im Anschluss).

 

Dezember 2013

 

Präsentationsphase: Die Modellstadt wird von einigen wenigen Schülern in ihrer Gesamtgestalt geplant und aufgebaut. Noch während dieser Arbeiten starten die Anwendungen in den Fächern Deutsch und Englisch. Manche Idee in einer Geschichte hat kleine Umbauten in der Stadt zur Folge.

 

Januar bis März 2013

 

Im Nachgang: Nach der Umsiedelung der Stadt in den Werkraum starten die Zeicheneinheiten und die Trickfilmarbeiten am nun flexibel zu verwendenden Stadtgebilde. Flankiert werden diese Arbeiten von Lehrphasen „on demand“: Was an der Kamera oder am Schneidecomputer noch nicht an Kompetenzen vorhanden ist, wird von den Schülern während der flexiblen praktischen Arbeitsphasen angefordert und von Schülergruppe zu Schülergruppe (bei parallel unterrichteten Klassen auch über Klassengrenzen hinweg) weitergereicht.

 

In diese Zeit fällt auch die Exkursion zu architektonischen Fragestellungen: Im Unterricht Erfahrenes wird am Bestand überprüft.

 

 

Darstellung einer typischen Unterrichtseinheit vor der Bauphase

 

 

0:00 Begrüßung, Betrachtung einer besonderen Form der Architekturdarstellung

 

0:05 Schüler „lesen“ die Abbildung und erschließen ihren informativen Gehalt

 

0:15 Schüler forschen in Architekturzeitschriften und -büchern und in „echten“ Plänen und arbeiten parallel an ihrer (Art der) Architekturdarstellung (Aufriss, Grundriss, Ansicht)

 

1:05 Schlussreflektion nach gleichem Muster wie zu Beginn der Stunde, Sammlung von möglichen Qualitäten und Kriterien zur Bewertung der Arbeiten

 

1:25 Gemeinsames Aufräumen

 

1:30 Ende

 

 

Darstellung einer typischen Unterrichtseinheit während der Bauphase

 

 

0:00 Begrüßung, Architekturbetrachtung mit (einfacher) Funktionsanalyse

 

0:05 Schüler entscheiden je nach Interesse, ob es Fragen zur vorgestellten Architektur gibt.

 

0:10 Sichtung des Erreichten, Schüler stellen Baufortschritt und technische Errungenschaften oder Schwierigkeiten dar.

 

0:15 Diese Schwierigkeiten münden entweder in einen Erfahrungsaustausch zwischen den Schülern oder in eine kurze Schulungseinheit durch den Lehrer (auf Wahl) für alle oder für eine Kleingruppe (z.B. Zuschnitt von und Arbeit mit Kartonrohren, Möglichkeiten der Fassadengliederung, Möglichkeiten der Verkehrsführung)

 

1:05 Schlussreflektion (zum Teil zu schwerwiegenden funktionellen Fragen der Architektur oder zur Technik oder zur Arbeitshaltung der Klasse)

 

1:20 Gemeinsames Aufräumen

 

1:30 Ende

 

 

Darstellung einer typischen Unterrichtseinheit nach der Bauphase

 

 

0:00 Begrüßung

 

0:05 Vortrag: Einführung in (dem Jahrgang entsprechende) Formen der Raumdarstellung

 

0:15 Vorstellung des Lernmaterials über alle Jahrgangsstufen hinweg (auch für die achte Jgst. als Ausblick für die siebte)

 

0:10 Schüler sichten die Lernmaterialien, fertigen in Anlehnung an diese ihren Hefteintrag und arbeiten an ihrer Ansicht der Stadt.

 

Parallel dazu arbeiten kleine Gruppen mit der Kamera an Trickfilmsequenzen in der Kulisse der Modellstadt.

 

1:05 Schlussreflektion aller Hefteinträge und Zeichnungen (Sammeltisch), Sammlung von Qualitäten und Bewertungskriterien

 

1:20 Gemeinsames Aufräumen

 

1:30 Ende

 

 

 

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